Stuttgart 21 – Der bürgerlichen Gesellschaft dämmert da etwas von Machtzusammenhängen

Auf den heise Seiten in TELEPOLIS ist ein Artikel von Mar­cus Ham­mer­schmidt erschienen, der sich mit den gesellschaftlichen Vorgängen rund um Stuttgart 21 beschäftigt.

Am Don­ners­tag, den 30.9., kam es in Stutt­gart zu ver­schie­de­nen Brü­chen: Na­sen­bei­ne, der Land­frie­den und nicht we­ni­ge Her­zen wur­den von der Po­li­zei ge­bro­chen. Seit­dem gibt sich die bür­ger­li­che De­mo­kra­tie von ihrem ei­ge­nen Be­neh­men er­schro­cken.

Er­staun­li­ches ge­schieht in Ba­den-​Würt­tem­berg, dem deut­schen Bun­des­land, des­sen Po­li­zei zwar über Was­ser­wer­fer ver­fügt, aber so gut wie nie ein­setzt. Letz­te Woche Don­ners­tag war es dann so weit, und die Hel­den der Exe­ku­ti­ve be­wie­sen, dass sie ihr Gerät den­noch zu be­die­nen wis­sen, ob es sich nun um Was­ser­wer­fer, Pfef­fer­spray oder Schlag­stö­cke han­delt. Da die Staats­ge­walt aus­nahms­wei­se ein­mal nicht Au­to­no­me, Kur­den, Fuß­ball­fans oder sons­ti­ge Au­ßer­ir­di­sche in die Man­gel ge­nom­men hat, ist das Ent­set­zen groß. Der Mit­tel­stand, der sich von die­sen Au­ßer­ir­di­schen immer weit genug ent­fernt wuss­te, aber an Stutt­gart 21 so wenig Ge­fal­len fin­det, dass seine Em­pö­rung in Pro­test um­schlägt, sieht sich auf un­tun­li­che Weise mit dem „Ge­socks“ in eine Ecke ge­stellt: „Das könnt ihr doch mit uns nicht ma­chen!“. Wenn auch die an­de­ren immer krie­gen, was sie ver­die­nen – die bra­ven Schwa­ben sind be­lei­digt, dass ihre Po­li­zei ihnen die Fres­se po­liert, dass sie, die sich für die Mitte des Volks, für den ei­gent­li­chen Volks­sou­ve­rän hal­ten, Opfer eines an­sons­ten be­harr­lich ge­leug­ne­ten Ge­walt­ver­hält­nis­ses wer­den. Wenig be­zeich­net die Hal­tung der Grü­nen und der Lin­ken deut­li­cher als der Schaum vor dem Mund an­ge­sichts der Po­li­zei­ge­walt gegen Rent­ner und Schü­ler. Als stün­den diese Be­völ­ke­rungs­grup­pen ir­gend­wie unter Na­tur­schutz. Wäh­rend die Chao­ten, die Au­ßer­ir­di­schen, immer völ­lig zu Recht mit den Ser­vice­leis­tun­gen von mus­ku­lö­sen Freun­den & Hel­fern des Ka­pi­ta­lis­mus zu tun be­kom­men haben, ob in Ber­lin-​Kreuz­berg, in Ham­burg, in Wa­ckers­dorf oder im Wend­land.

 

Vom Wasserwerfer im Gesicht getroffen

Vom Wasserwerfer im Gesicht getroffen

 

Weil er Steu­ern zahlt, möch­te der brave Bür­ger auch auf Bäume klet­tern und die Po­li­zei am Durch­set­zen von irr­sin­ni­gen Groß­pro­jek­ten hin­dern dür­fen, ohne dar­auf hin­ge­wie­sen zu wer­den, dass er Steu­ern zah­len, wäh­len und still­hal­ten soll – was doch die Form der De­mo­kra­tie ist, die ihm an­sons­ten so vor­treff­lich be­hagt. Ja, für­wahr, es kommt zu un­an­ge­neh­men Miss­ver­ständ­nis­sen, wo das Stimm­vieh glaubt, es sei schon etwas ge­sagt, wenn es ruft: Wir sind das Volk!

Achse der Kor­rup­ten
Aber da sind noch mehr Brü­che. Der Bahn­hof wird ab­ge­bro­chen; der pas­teu­ri­sier­te und ho­mo­ge­ni­sier­te Kleis­ter, mit dem die Me­di­en die Rea­li­tät Tag für Tag zu­kle­is­tern, wirkt auf ein­mal wie an­ge­trock­net, brü­chig ge­wor­den. Ador­no hatte sei­ner­zeit für diese Kle­be­mas­se den Be­griff „Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang“ er­fun­den, „Ver­blö­dungs­zu­sam­men­hang“ mag heute tref­fen­der sein. Der Ver­blö­dungs­zu­sam­men­hang, der von einer Achse der Kor­rup­ten (Jour­na­lis­ten, Po­li­ti­kern, Bahn­ma­na­gern) Tag für Tag durch eine Un­zahl von Me­dien­bei­trä­gen immer neu her­ge­stellt wird, stößt an seine Gren­zen, wo der Nor­mal­bür­ger, der sich an­sons­ten nur allzu gern in­ner­halb die­ser Gren­zen auf­hält, wie ein Kind, dem die Wahr­heit über den Ni­ko­laus däm­mert, ver­bit­tert aus­ruft: „Die lügen ja alle!“. Und plötz­lich klingt die Re­de­wen­dun­gen von der „Dee­s­ka­la­ti­on“, von der „aus­ge­streck­ten Hand“, von der „Be­son­nen­heit“, wie das, was sie sind: be­stell­tes und be­zahl­tes Ge­re­de von pro­fes­sio­nel­len Lüg­nern, der fa­den­schei­nig ge­wor­de­ne Samt um die ei­ser­ne Faust der In­ter­es­sen­wah­rung. Po­li­ti­ker for­dern De­mons­tran­ten zur Fried­fer­tig­keit auf, die sie vor­her haben zu­sam­men­schla­gen las­sen. Wenn sie vor die Mi­kro­fo­ne tre­ten, sehen sie aus wie die Pres­se­be­auf­trag­ten der Cosa Nost­ra. Die Pfaf­fen sind be­stürzt, dass die Nutz­lo­sig­keit ihrer run­den Ti­sche und Ge­sprächs­kaf­fee­kränz­chen offen zu­ta­ge tritt. Die prü­geln­de Po­li­zei gibt sich ent­setzt von der Ag­gres­si­vi­tät der De­mons­tran­ten, die sogar auf­jaul­ten, wenn sie Schlä­ge be­zo­gen.

„Le­gi­ti­ma­ti­ons­ge­re­de“
Be­son­ders nach­drück­lich macht sich Rü­di­ger Grube lä­cher­lich, der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Deut­schen Bahn AG. Wie ein Pa­pa­gei, der sich erst auf sei­nen Lieb­lings­spruch ver­steift hat, be­greift er nicht, dass seine Be­haup­tung, Stutt­gart 21 sei „de­mo­kra­tisch aus­rei­chend le­gi­ti­miert“, lang­sam den bür­ger­li­chen Kon­sens zu den Le­gi­ti­ma­ti­ons­me­cha­nis­men in un­se­rer fa­bel­haf­ten Kon­sens­de­mo­kra­tie an­zu­grei­fen be­ginnt. Wenn er zu­sätz­lich be­haup­tet, dass „bei uns“ die Par­la­men­te ent­schei­den, „und nie­mand sonst“, dann be­weist er, dass er noch lesen ler­nen muss. Ers­tens die Zei­tung, in der sein Le­gi­ti­ma­ti­ons­ge­re­de an­ge­sichts fröh­lich vor sich hin ex­plo­die­ren­der Pro­jekt­kos­ten dem Ge­läch­ter jedes den­ken­den Men­schen preis­ge­ge­ben wird, und zwei­tens das Grund­ge­setz, be­son­ders Ar­ti­kel 20, Ab­satz 2. Das S21-​Pla­nungs­cha­os hin­ter den Ku­lis­sen spielt na­tür­lich bei Herrn Gru­bes le­gi­ti­mem Thea­ter keine Rolle, und was die Ge­schich­te an­geht, ver­lässt er sich zu Pro­pa­gan­da­zwe­cken auf se­lek­ti­ve Wahr­neh­mung: Stutt­gart 21 werde vor sei­ner Durch­set­zung be­kämpft und nach sei­ner Durch­set­zung ge­liebt, wie an­de­re Groß­pro­jek­te auch, z.B. die Messe auf den Fil­dern. Das nie ge­bau­te Atom­kraft­werk Wyhl und den mit Stutt­gart 21 an Schwach­sin­nig­keit ver­gleich­ba­ren Groß­flug­ha­fen im Schön­buch – eben­falls zum Glück nie ge­baut – ver­gisst Herr Grube dabei ge­nehm.

 

Verfassungsschutz warnt: Protest von Linksextremisten unterwandert

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Was mit dem un­ter­ir­disch dum­men S21-​Pro­jekt nun wird, weiß kei­ner. Aber eins ist ge­wiss: Dass das Bür­ger­tum in Stutt­gart der­zeit in den Spie­gel sieht und sein ei­ge­nes Ge­sicht nicht so recht lei­den mag, ist ein Bruch, den es zu­nächst ein­mal nur zu gou­tie­ren gilt. Trotz aller po­li­ti­schen und pu­bli­zis­ti­schen Ver­teu­fe­lung von „ge­sell­schaft­li­chen Spal­tun­gen“ und trotz aller schafs­from­men Hoff­nun­gen auf die Rück­kehr zum üb­li­chen Kleis­ter-​Kon­sens.

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