Alle Soldaten sind Mörder – oder: Gezielte Tötung in Afghanistan und moderner Underground-Journalismus

Bei Journalisten in einer Redaktion gibt es oft die „Schere im Kopf“. Immer wird taxiert was veröffentlicht wird und was nicht. Die Abhängigkeit der Medien von Werbeanzeigen aus der Wirtschaft oder gesprächsbereiten Politikern führt oft zu der Entscheidung, heikle Themen lieber nicht anzupacken. Hinzu kommt, dass die für die Missstände Verantwortlichen oft versuchen unliebsame Dinge unter der Decke zu halten. Das neue Medium Internet bietet die Möglichkeit, ohne großen Aufwand Informationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Früher waren Druckmaschinen, die ganze Hallen füllten, Tonnen Papier und viel Zeit zum Verteilen nötig, um eine Information zu verbreiten. Heute reicht ein Blog. Aber Menschen, die in ein System eingebunden sind, beispielsweise am Arbeitsplatz, können nicht einfach Informationen über Missstände in ihrer Firma oder in ihrer Organisation veröffentlichen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Informationen im Netz zu 100% anonym veröffentlicht werden. Dazu senden sogenannte „Whistleblower“ Informationen über Missstände an WikiLeaks. Auf der Plattform, deren Betreiber bis auf einen Sprecher unbekannt sind, werden die Informationen unzensiert und vollkommen anonym veröffentlicht.

Jetzt wurden auf der Plattform zehntausende Dokumente aus dem Krieg in Afghanistan veröffentlicht, die als Geheim eingestuft wurden. Es handelt sich vor allem um Bericht von den Einsätzen der US-Streitkräfte. Eine Militärdatenbank die die Realität in Afghanistan ungefiltert wiedergibt. Nicht Berichte, die für die Öffentlichkeit geschrieben wurden, sondern die Gedanken des Militärapparates sind nun für alle einsehbar. Sie ermöglichen einen Blick hinter die Propaganda-Maschinerie. Besonders interessant sind die Berichte der Task Force 373. Die Spezialeinheit ist in ganz Afghanistan unterwegs um tatsächliche und vermeintliche Gegner des Besatzungsregime zu töten.

Die Dokumente verdeutlicht, dass die Modernisierung der westlichen Armeen nicht zu chirurgisch geführten, gerechten Kriegen führt, sondern der Krieg das bleibt was er immer war: Ausdruck der Barbarei in dem die Wahrheit und die Zivilbevölkerung immer die Opfer sind. Nur weil die Begrifflichkeit „gezielte Tötung“ verwendet wird, heißt das nicht, dass nur Taliban und Al-Qaida Anhänger sterben. Die jetzt veröffentlichten Geheimdokumente zeigen, dass auch bei diesen Operationen viele Zivilisten sterben. Zudem wirft die Menschenjagd eine Frage auf: Wer steht eigentlich dahinter und wer entscheidet hier was rechtens ist und was nicht. Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: Das Pentagon. Das Kriegsministerium in Washington erstellt Listen mit Personen die durch Informanten, Denunzianten und Agentennetze irgendwie in das Visier der Militärs geraten sind. Ganz nach Wild-West Verfahrensweise werden sie zur Suche ausgeschrieben, Dead of Alive, Tot oder Lebendig. Offenbar hat sich beim Abarbeiten der Listen eine gängige Praxis ergeben. Die kleine Fische fängt man und die großen schießt man gleich über den Haufen. Die Ausgeklügelte Informationspolitik der Krieg führenden Länder ist ein Stück weit entlarvt und zeigt auf, dass sich nichts an der alten Erkenntnis geändert hat: Es gibt nur eine Wahrheit über den Krieg, es sterben Menschen!

Malte

Die LINKE: „Das vom Bundestag erteilte Afghanistan-Mandat ist hinfällig. Es wurde auf einer falschen, zumindest unzureichenden Informationsgrundlage beschlossen“, stellt der außenpolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE, Wolfgang Gehrcke fest. „Ich habe Außenminister Guido Westerwelle aufgefordert, zu den Veröffentlichungen von Wikileaks Stellung zu beziehen. Entweder ist die Bundesregierung falsch informiert oder sie ist Teil der Täuschungspolitik der USA.“ Gehrcke weiter:

„In Kriegen gibt es keine Transparenz. Wer Krieg führt, muss die Bevölkerung täuschen. Tricksen, täuschen, tarnen gehört zum Kriegshandwerk, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Von Rot-Grün, Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb ist die Bevölkerung über den Afghanistankrieg nie korrekt informiert worden. Selbst die Abgeordneten des Deutschen Bundestages sind nicht umfassend informiert.

Die Bundesregierungen haben sich immer über den Einsatz deutscher Spezialkräfte, zum Beispiel der Taskforce 47, ausgeschwiegen. Der verdeckte Einsatz von US-Spezialkräften im deutschen Verantwortungsbereich war der Bundesregierung bekannt.
Die deutschen Tornado-Aufklärungsflugzeuge liefern die Luftbilder für nachfolgende Bombenangriffe der NATO-Truppen. Auch die deutsche Kriegsführung trägt Mitschuld an den Toten in Afghanistan.

Kriegsgefangene, die von deutschen Truppen festgesetzt wurden, werden an afghanische Behörden weitergereicht. Dass in afghanischen Gefängnissen gefoltert wird, ist aber bekannt. Auch darüber wurde und wird von den Bundesregierungen geschwiegen.“

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1 Response to “Alle Soldaten sind Mörder – oder: Gezielte Tötung in Afghanistan und moderner Underground-Journalismus”



  1. 1 Gezielte Tötung in Afghanistan auch durch KSK « Linkes Jena Trackback zu 17/08/2010 um 20:52

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