Bildet euch, bildet andere… heute: Autonome

Im linksliberalen Meinungsmedium Der Freitag erschien dieser lesenswerte Artikel von Velten Schäfer und Florian Schmid.

Black Box Black Block

Noch heute steht über die Autonomen das ­gleiche in den Zeitungen wie vor 30 ­Jahren. Am Anfang stand die große Erfindung von 1980

Thomas Grziwa hat nicht lange gefackelt am 6. Mai 1980. Als Ökonom und Fotograf hat er ein Gespür für Verdichtung. An diesem Tag ziehen zehntausend Menschen zum Bremer Weserstadion, um gegen ein Bundeswehrgelöbnis zu protestieren. Als sich plötzlich eine rund tausendköpfige schwarz vermummte Gruppe löst und sich gegenüber der Polizeikette aufbaut, sind alle seine Antennen herausgezogen. Und dann sieht er diesen jungen Mann mit seinem Halstuch, der Lederjacke und dem Stein in der Hand: „Ich hab’ sofort gemerkt, hier baut sich ein Symbolbild auf“.

Der Vergleich mit dem „Che“-Foto mag überzogen sein, aber Grziwas Aufnahme ist das erste Emblem dessen, was schnell als „die Autonomen“ bekannt wird. Es gelangt 1981 nicht nur auf ein Spiegel-Cover, sondern auch auf auf zahllose T-Shirts, Plakate, in Broschüren, Flugblätter und Fanzines; meist ohne Bezug zum oft unbekannten Ereignis. Der „anonyme Militante“ ist eine Ikone der autonomen Pose: gesichtsloser Protagonist, teilnehmende Perspektive. Es ist die Mischung aus David gegen Goliath und aus Cowboyattitüde, die das Bild für die linke Szene attraktiv macht, glaubt Grziwa. Er kann sogar „ein bisschen Asterix“ erkennen: in der Polizeikette, die hinter ihren Schilden wirkt wie die Legion von Kleinbonum.

Und die bekommt reichlich Grund zum Ausrücken, denn Bremen bleibt kein Einzelfall. 1980 scheinen Europas Großstädte in Brand zu geraten. Binnen Monaten kommt es in Amsterdam, Zürich, London und Berlin zu massiven Straßenschlachten – mit anfangs offenen Ende. Am 12. Dezember 1980 etwa verhindert die Polizei in Kreuzberg eine Hausbesetzung, Pflastersteine fliegen, Barrikaden werden errichtet, Autos gehen in Flammen auf, erst gegen fünf Uhr früh beruhigt es sich. Was in dieser Nacht passiert, sei „nicht mehr vergleichbar“ mit der Zeit der APO, resümiert ein geschockter Innensenator. Drei Jahre später zählt der Spiegel bereits 700 „autonome Gruppen“ in Deutschland.

Hinter den Halstüchern verbergen sich, wie eine „Guerilla Diffusa“ 1981 einschätzt, „vielleicht ein ehemaliger K-Gruppen-Aktivist, vielleicht eine Frauenbewegte (…). Anarchisten aller Fraktionen (…), Toxikomanen, Träumer, heimliche Lederschwule und Schwätzer, Punks und noch mehr Möchtergernpunks“. Kurzum: Die „Verlierer“ von 1968 treffen auf die neue Bewegung der Hippie-hassenden Punks, die nicht mitmachen wollen beim großen „Ankommen“. Deswegen ist die Militanz als Geste auch so konstitutiv für die Szene, obwohl selbst in den wilden Achtzigern nur ein kleiner Teil der Akteure tatsächlich etwas geworfen hat: Sie symbolisiert absolute Nicht-Integrierbarkeit.

Konstitutive Militanz und …

Auch sonst setzen sich die „1980er“ fundamental von den 68ern ab: Wo deren Modell politischer Organisierung auf Verbänden und Parteien gründet und sich gerade um 1980 die grüne Partei formiert, funktionieren die Autonomen als eine durch Kleidung, Musik und Habitus definierte „Szene“, in der informelle Strukturen im Trail-and-Error-Verfahren testen, was die Kampagne der Saison ist. Wo die 68er noch bürgerlich „Gesicht zeigen“ für die gute Sache, treten autonome Größen wie „L.U.P.U.S.“ und „Geronimo“ konspirativ auf. Die Gruppen sind überhaupt nur für Leute auffindbar, die den Codes der Szene entsprechen. Während sich die 68er mit dem „Marsch durch die Institutionen“ das Erklimmen der Lehrstühle genehmigen, propagieren die Autonomen einen knallharten subkulturellen Aussteiger-Lebensstil zwischen Jobben, Sozialhilfe und Mundraub. Und anders als der Mainstream von 68 wollen die Autonomen niemanden „aufklären“: Sie zielen auf Territorialisierung – von den städtischen Hausbesetzungen bis zu den „Autonomen Jugendzentren“ der Provinz.

Was die Autonomen in ihrer Negation von 1968 formulieren, ist mehr eine Haltung als ein elaborierter Standpunkt – weswegen Kompromisse nicht vorgesehen sind und Anti-Kampagnen am besten verfangen. Die Autonomen sind die erste politische Bewegung, die ausschließlich mit dem Identitätsinstrument des Pop arbeitet: der Subkultur, die sich als „glokale“, nicht nur gedachte, sondern gelebte Alternative versteht. Die Autonomen diskutieren keine Programme, sie produzieren eine Geste und hinterlassen sie zum Nachspielen. Sie erklären nichts. Einmal „ausgetreten“ lassen sie die Geschichte in der „Black Box“ und gehen mit ihrer Vergangenheit so konspirativ um wie mit ihren politischen Aktionen.

Sind die Autonomen ein Erfolgsmodell? In der auf 1980 folgenden Zeit wird das autonome Drama immer wieder aufgeführt. Auch wenn die „Black Blocks“ von Seattle, Genua oder Athen nichts vom Weserstadion wissen, gleichen sich nicht nur die Bilder. Regelmäßig erweist sich, dass der „autonome“, subkulturell motivierte Berufsrevolutionär auf kurze Sicht an Effizienz kaum zu überbieten ist. Mit diesem Modell docken die Autonomen an verschiedene Bewegungen an: in den achtziger Jahren Anti-AKW, Anti-Startbahn-West und Anti-NATO, nach der Wende Anti-Olympia, Anti-Nazi, Anti-Globalisierung und derzeit mal wieder Anti-Gentrifizierung. Die subkulturelle Graswurzelpolitik ist so erfolgreich, dass sie inzwischen auch von Rechtsradikalen kopiert wird. Aber auch so gegenwärtig, dass es in Bremen zum Jubiläum nicht nur einen Historikerkongress gibt, sondern auch eine autonome Veranstaltungswoche.

Noch heute steht über die Autonomen das gleiche in den Zeitungen wie vor 30 Jahren: jung, hasserfüllt und so schlimm wie schon seit Jahren nicht. Ihre offenbar ewige Jugend verweist aber auch auf ihr Problem: Ihr politisches Modell funktioniert nur bei einem 100-prozentigen Lebensstil der Akteure. Dass ein solcher auf Dauer überfordert und transparentere Strukturen nachhaltiger sind, wird – wie der „Militanzfetisch“ – in der Szene schon zu Beginn der neunziger Jahre diskutiert. Folge der so genannten „Heinz-Schenk-Debatte“ ist die Entstehung post-autonomer Verbände wie „FeLS“ oder „Avanti“, die programmatisch aus dem Ghetto der Subkultur auszubrechen versuchen. So soll der Durchlauferhitzereffekt gestoppt werden: Nach fünf oder zehn Jahren verlassen die autonomen Protagonisten die Bühne oft abrupt, manchmal frustriert – und fast immer endgültig. Anders als die 68er, über die bis zu ihrem Tod als „Generation“ geredet werden wird, gelten weder die „1980er“, noch die „1992er“ oder „2001er“ oder andere Personaldurchläufe als signifikante sozio-politische Kohorte.

… realpolitische Dreistigkeit

Dabei sind die Spuren der zweiten westeuropäischen Protestgeneration in den Städten nicht weniger spürbar als die Impulse von 1968 in der Gesellschaft. Die fußläufige Mischung von Wohnraum, Cafés, Kultur und Büros, die neue urbane Eliten so lieben, wäre ohne die realpolitische Dreistigkeit der Autonomen kaum denkbar. Mögen sie, gemessen an ihrem Anspruch, der „Triple Oppression“ durch Kapitalismus, Sexismus und Rassismus stante pede den Garaus zu machen, nur bescheiden erfolgreich sein: Ihre oft militant behauptete Präsenz in den Innenstädten hat zum Abbruch der Hochhaus- und Automobil-Stadtplanung mit beigetragen. Ohne die Berliner Besetzerwelle von 1980 läge der Potsdamer Platz haarscharf an der Westtangente und auf dem Kreuzberger Oranienplatz wäre ein Autobahnkreuz statt Kiezbohéme.

Doch der radikale Schick erweist sich auch als zweischneidig: An der Hamburger Sternschanze und anderswo springt die räumliche Kongruenz von früheren Szenestrukturen und heutiger Latte-Macchiato-Zone ins Auge. In Vierteln wie Berlin-Friedrichshain hat man geradezu den Eindruck, erst der romantische Widerstand gegen „Umstrukturierung“ habe die „Aufwerter“ so richtig heiß gemacht. Ob diese Viertel offen bleiben oder sich in Laufstege der „Creative Class“ verwandeln, steht nicht nur in Berlin aktuell auf der Agenda.

Was bleibt nach 30 Jahren? Das Autonome, die Subkultur, die Geste, die große Erfindung von 1980, ist intakter als viele sich wünschen. Was aber aus den Autonomen geworden ist, der Generation von 1980, bleibt im Dunkeln. Vielleicht sollte man diesen ergrauten Kapuzenpullitypen fragen, der schon morgens um neun am Kanal Petanque trainiert und auf die Altersarmut wartet. Oder diese elegante Dame um die Fünfzig, die an der Ecke ein Designerbüro betreibt. Oder beide. Oder keinen davon. Wir wissen es so wenig wie den Namen des Mannes auf Grziwas Foto – und ob er den Stein überhaupt geworfen hat.

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