Naziaufmarsch am 1. Mai in Erfurt blockiert!

Antifa heißt früh aufstehen! Diese Losung sollte oberstes Gebot für jeden Blockadeversuch sein. Um 7:36 Uhr ging´s in Jena mit dem Zug nach Erfurt los. Dort angekommen verließen wir den Bahnhof und begaben uns zum Anger. Viele der aus Erfurt und Weimar angereisten schlossen sich zu einem Finger zusammen und versuchten auf die Naziroute zu gelangen. Um aus der Innenstadt auf die Stauffenbergallee (Stadtring) zu kommen, muss der Flutgraben überwunden werden. Dieses Gewässer ist normalerweise eher flach und kann ohne Probleme durchschritten werden. Seit dem Vortag wurde der Flutgraben allerdings extra vom THW aufgestaut, damit Personen wirklich nur die Brücken nutzen können um von der einen Seite auf die andere zu gelangen.

Bemerkenswert ist, dass zumindest die angesteuerte Brücke auf den Leipzigerplatz zu diesem Zeitpunkt nur von drei Polizisten beobachtet wurde. Eigentlich hätte der gesamte Finger die Brücke zügigen Schrittes überqueren können um auf der unmittelbar hinter dem Ufer liegenden Naziroute „Platz zu nehmen“. Leider entschloss die Leitung des Fingers, dass die Brücke einzeln und unauffällig in Bezugsgruppen überquert werden sollte. Die ersten 30 Leute konnten die Brücke unter den kritischen Blicken der Beamten überqueren… leider war der aus einem Hinterhof gespeiste Gänsemarsch wohl doch nicht so unauffällig. Jedenfalls funkten die drei Beamten ihre Kollegen in den nahe stehenden Mannschaftswagen an, um die Brücke abzusperren. 30 Leute waren also auf der Naziroute und der Rest des Fingers blieb vorerst dort, wo die Polizei am liebsten alle Gegendemonstranten haben wollte: auf der Innenstadtseite des Flutgrabens.

An dieser Stelle verdeutlichte sich, wie wichtig so simple Dinge wie ein Stadtplan, eine Fahne und ein Megaphon sind. Ohne die Spitze des Fingers waren die einzelnen Bezugsgruppen nicht mehr koordiniert. Viele waren sich offenbar gar nicht darüber im klaren, dass sie mitten auf der Naziroute standen. So verschwanden die meisten irgendwo in den Nebenstraßen… eine einzige Ortskundige Person mit Megaphon hätte an dieser Stelle gereicht um bereits um kurz nach Acht eine Blockade am Leipzigerplatz einzurichten. Später sollte es noch dazu kommen, aber in diesem Moment standen wir mit unseren 10 Leuten ziemlich verloren auf der Straße die immerhin vier Spuren und einen breiten Grünstreifen in der Mitte umfasst.

Auf der Suche nach Mitblockierern liefen wir also die gespenstisch leere Straße ab, aber außer dem einen oder anderen Polizisten, der in den Nebenstraßen aufpasste, dass niemand die Absperrgitter klaut, war weit und breit kein Mensch zu sehen. Die Brücke Schlachthofstraße war auch gesperrt und ohne Aussicht auf Verstärkung lungerten wir nun auf der Route der Nazis herum. Zivilpolizisten boten uns Orientierungshilfe an, falls wir uns nicht zurechtfinden würden, aber wir wussten ganz gut wo wir sind und das wir hier auch bleiben wollen.

Später gabelte uns ein Trupp (5 Beamte) der Bereitschaftspolizei auf und bat uns, die Stauffenbergallee (Stadtring) in Richtung Magdeburgerallee zu verlassen und uns von dort aus in die Innenstadt zu begeben. Um der üblichen Prozedur von Aufnahme der Personalien und Aussprechen eines Platzverweises zu entgehen, kamen wir der Bitte nach. Was zunächst ärgerlich schien erwies sich als Glücksfall. Am beginn der Magdeburgerallee trafen wir auf 20 Antifas und beschlossen die Nazis auf der Magdeburgerallee zu erwarten. Wir gaben auch ans Infotelefon durch, dass die Polizeikräfte die Zusammenrottung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz (direkt zu Anfang der Magdeburgerallee) tolerieren, die Brücke noch offen ist und sogar die Straßenbahnen noch fahren. Trotzdem dauerte es Stunden bis peu a peu immer mehr Menschen eintrudelten und den Blockadepunkt verstärkten.

Zu einem Zwischenfall kam es als ein Reisebus mit Nazis die Magdeburgerallee passieren wollte. Die Demonstranten sperrten die Straße und blockierten den Bus. Nachdem die Polizei ein schützendes Spalier um den Bus gebildet hatte, versuchte sie ihn durch eine Nebenstraße umzuleiten. Die Blockierer wollten die Nazis nicht einfach so zur Kundgebung lassen und sperrten auch die Seitenstraße. Nachdem der Bus in der Seitenstraße eingekesselt war gingen Polizeibeamte ohne Vorwarnung auf die Blockierer los. Faustschläge und Fußtritte wurden verteilt, Menschen durch die Gegend geschubst und Beleidigungen geäußert. Prellungen, blaue Flecken und Schürfwunden waren die Folge. Eine Person wurde willkürlich herausgegriffen und festgenommen. Nachdem der Bus umgekehrt war und die Polizisten sich zurückzogen, beruhigte sich die Lage wieder.

Mit dem Eintreffen der Antifa-Demo auf der Magdeburgerallee war dann aber klar: Hier werden heute keine Nazis marschieren. Die ursprünglich geplante Route, welche vom Hauptbahnhof bis zum Nordbahnhof und zurück führen sollte, war auf halber Strecke blockiert.

Aber es kam noch besser. Immer mehr Bezugsgruppen sickerten durch die Nebenstraßen näher an den Startpunkt der Nazis heran. So gelang es einen weiter vorgelagerten Blockadepunkt zu errichten und kontinuierlich zu verstärken. Sogar ein Lautsprecherwagen konnte an den Leipzigerplatz herangeführt werden. Nachdem alle Straßen, die am Leipzigerplatz von der Stauffenbergallee (Stadtring) abzweigen und die Stauffenbergallee selbst blockiert waren, sah es schlecht aus für die Faschisten. Gerade mal 500 Meter weit gekommen, mussten sie ihren Aufzug stoppen und eine zweistündige Pause einlegen. In Anbetracht der Tatsache, dass hinter der Blockade auf der Stauffenbergallee am Leipzigerplatz schon auf der Magdeburgerallee die nächste Blockade wartete, verzichteten die Polizisten auf eine gewaltsame Räumung.

Die Nazis waren wie zu erwarten stinksauer über die Blockade ihres Aufmarsches. Letztlich blieb ihnen aber nichts anderes übrig, als ihre Veranstaltung zu beenden und wieder abzuziehen.

Nachdem die Nazis ihre Veranstaltung beendeten wurde die Stimmung gelöster. Auch bei den Polizeibeamten an den Absperrgittern stellte sich zunehmend so etwas wie Entspannung ein. Schließlich wurden die Polizeifahrzeuge umgeparkt, die Polizeiketten abgezogen und die Gitter abgebaut. So konnten alle Blockierer aus den Straßen heraus über den Leipzigerplatz zur Brücke in die Innenstadt kommen, um sich Richtung Anger zu bewegen. Auch die Beamten, die die Brücke gesperrt hatten, zogen ab… allerdings ließen sie die Absperrgitter auf der Brücke stehen. Die ersten, die die Brücke erreichten, riefen den Beamten noch hinterher, sie sollten ihre Absperrgitter mitnehmen. Die Beamten reagierten allerdings nicht. So quetschten sich alle über den Bürgersteig an den verlassenen Gittern vorbei, was angesichts des wachsenden Stroms schwierig wurde. Als einige begannen die Gitter beiseite zu schieben, stürmte von hinten die Thüringer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) heran und begann wild um sich zu schlagen. Ein Einzelner wurde herausgegriffen und zwischen den Beamten herum geschubst, mit Tritten und Faustschlägen traktiert, schließlich zu Boden geworfen und über die Straße geschleift. Umstehende, die der Gewaltorgie ein Ende bereiten wollten, wurden ebenfalls geschlagen und getreten. Wieder einmal zeigte sich, dass es sich bei den in allen Bundesländern existierenden Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) um eine Bande übler Gesellen handelt, die offenbar keinen Tag auskommen ohne eine Prügelei anzuzetteln. Wer also körperlich gut trainiert ist, Spaß an Gewalt hat und einer Karriere als stadtbekannter Kneipenschläger entgehen möchte, dem sei hiermit eine Ausbildung bei der Polizei, der Dienst bei den Bereitschaftskräften und eine Bewerbung um die Aufnahme in die BFE empfohlen.

Nach dem Zwischenfall erreichten wir schließlich doch noch den Anger und machten erstmal eine kleine Pause, während wir auf den Zug warteten. Als wir uns schließlich zum Bahnhof begaben, kam uns noch eine spontan organisierte Demo entgegen, die sich offenbar zuvor am Bahnhof formiert hatte.

Den Vogel abgeschossen hat an diesem Tag aus unserer Sicht definitiv die Thüringer BFE mit ihrer sinnlosen Gewaltaktion. Ansonsten war es ein recht entspanntes rumsitzen gegen Rechts und vor allem ein erfolgreiches. Das Blockadekonzept, die Informationsinfrastruktur und das Fingerkonzept sind ausbaufähig, in der Praxis reicht es aber schon jetzt um mit schöner Regelmäßigkeit Naziaufmärsche zu verhindern.

Einen weiteren Bericht, der auch Ereignisse erfasst, bei denen wir nicht dabei waren findet ihr auf sabotnik.

Malte

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1 Response to “Naziaufmarsch am 1. Mai in Erfurt blockiert!”



  1. 1 Anschlag auf das linke Jugendbüro Haskala in Saalfeld « Linkes Jena Trackback zu 06/05/2010 um 17:55

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