Alle Soldaten sind Mörder – oder: Kriegsspiele im Irak und moderner Underground-Journalismus

Bei Journalisten in einer Redaktion gibt es oft die „Schere im Kopf“. Immer wird taxiert was veröffentlicht wird und was nicht. Die Abhängigkeit der Medien von Werbeanzeigen aus der Wirtschaft oder gesprächsbereiten Politikern führt oft zu der Entscheidung, heikle Themen lieber nicht anzupacken. Hinzu kommt, dass für die Missstände Verantwortlichen oft versuchen unliebsame Dinge unter der Decke zu halten. Das neue Medium Internet bietet die Möglichkeit, ohne großen Aufwand Informationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Früher waren Druckmaschinen, die ganze Hallen füllten, Tonnen Papier und viel Zeit zum Verteilen nötig, um eine Information zu verbreiten. Heute reicht ein Blog. Aber Menschen, die in ein System eingebunden sind, beispielsweise am Arbeitsplatz, können nicht einfach Informationen über Missstände in ihrer Firma oder in ihrer Organisation veröffentlichen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Informationen im Netz zu 100% anonym veröffentlicht werden. Dazu senden sogenannte „Whistleblower“ Informationen über Missstände an WikiLeaks. Auf der Plattform, deren Betreiber bis auf einen Sprecher unbekannt sind, werden die Informationen unzensiert und vollkommen anonym veröffentlicht.

Vor kurzem wurde auf der Plattform ein Video veröffentlicht, dass den Einsatz von Kampfhubschraubern im Irak zeigt. Der Einsatz wurde von der Bordkamera eines Hubschraubers festgehalten, im Hintergrund ist der Bordfunk zu hören.

Die Besatzung des Kampfhubschraubers macht in einer Stadt eine Gruppe Personen aus. Zwei Journalisten der Agentur Reuters tragen Kameras mit Teleobjektiven über der Schulter. Die Besatzung des Kampfhubschraubers hält die langen Teleobjektive für Waffen und eröffnet ohne Vorwarnung das Feuer mit der Bordkanone auf die Menschengruppe. Im Kugelhagel sterben mehrere Menschen. Einer schleppt sich verletzt an der Straßenrand. Die Besatzung des Kampfhubschraubers wartet ab. Als Helfer in einem Kleinbus dem Verletzten zur Hilfe eilen beschießen sie auch den Kleinbus.

Das Video verdeutlicht, dass die Modernisierung der westlichen Armeen nicht zu chirurgisch geführten, gerechten Kriegen führt, sondern der Krieg das bleibt was er immer war: Ausdruck der Barbarei in dem die Wahrheit und die Zivilbevölkerung immer die Opfer sind. Nur weil der Krieg für die Kampfpiloten wie ein Videospiel funktioniert und aussieht, ändert sich nichts an der alten Erkenntnis: Es gibt nur eine Wahrheit über den Krieg, es sterben Menschen!

Einen Zusammenschnitt des Videos findet ihr hier, die ungeschnittene Version hier. Weitere Informationen gibt es auf der eigens eingerichteten Homepage Collateral Murder. Viele weitere Informationen, die eigentlich nie an die Öffentlichkeit gelangen sollten, gibt es auf WikiLeaks. Einen Artikel mit dem Titel „Schieß weiter, schieß weiter, schieß weiter, keep shoot’n“ über das Video ist auf den heise Seiten in TELEPOLIS erschienen.

Malte

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